Wusstest du, dass in den USA in von Frauen geführten Bundesstaaten die Todesrate durch Corona im Jahr 2020 niedriger war, als in denen, die von Männern geführt werden? Die These / Begründung der Forscher: Frauen in Führungspositionen waren empathischer und zeigten ein größeres Bedürfnis, anderen zu helfen. [1] Doch was haben diese Eigenschaften mit dem Geschlecht zu tun – und welche braucht es wirklich, um eine hervorragende Führungskraft zu sein?

Die „Big Two“ der Persönlichkeit

Die Forschung unterscheidet unsere Persönlichkeit nach den Big Two „Agency“ und „Communion“. Agency betont die Eigenständigkeit eines Individuums und manifestiert sich unter anderem in Selbstbehauptung und Selbstentfaltung, man strebt nach Kontrolle und Einfluss. Agentische Merkmale sind demnach beispielsweise Dominanz, Selbstbewusstsein oder Autorität. Communion hingegen meint ein Streben nach Gemeinschaft mit anderen, nach Teilhabe, Kooperation und Bindung. Das Verhalten wird am Wohl der Gemeinschaft ausgerichtet - typisch kommunale Eigenschaften sind Loyalität, Fürsorge und Empathie. [2] Und diese beiden Seiten der Persönlichkeit braucht es, um eine gute Führungskraft zu sein. Denn Mitarbeiter wollen sowohl eine starke, rationale, durchsetzungsfähige Führungskraft – als auch jemanden, der ihre situativen Bedürfnisse wahrnimmt und rücksichtsvoll darauf eingehen kann. Eine gute Führungskraft beherrscht also immer die Balance aus agentischen und kommunalen Merkmalen – je nachdem, wie es die Situation gerade erfordert.

Betrachtet man Agency und Communion im Geschlechtskontext, so werden Frauen automatisch und stereotypisch mehr kommunale Eigenschaften zugeschrieben und diese auch von ihnen erwartet - bei Männern vorrangig agentische. [3] Diese Zuschreibungen führen zu teils unbewussten entsprechenden Verhaltensmustern bei Männern und Frauen – auch noch in der heutigen, modernen Zeit – und natürlich auch in Führungspositionen. Im Umkehrschluss heißt das jedoch: Eine gute Führungskraft zu sein, hat nichts mit dem Geschlecht selbst zu tun, sondern mit dem Bewusstsein für agentische und kommunale Strategien - und in welcher Situation es was braucht, um die Mitarbeiter zu motivieren, zu bestärken und eine vertrauens- und respektvolle Beziehung aufzubauen.

Teste dich selbst

Überprüfe folgende Aussagen – sowohl im privaten, als auch beruflichen Umfeld [4]:

Welche Aussagen hast du öfter als „zutreffend“ eingeschätzt – die in der linken oder rechten Spalte? Die linke Spalte deutet darauf hin, dass du ein agentischer Typ bist, die rechte kommunal. Natürlich kann es auch sein, dass du eine ausgeglichene Kombination aus beidem bist. Nutze das Bewusstsein über agentische und kommunale Eigenschaften – und überprüfe stets, was es in der jetzigen Situation als Führungskraft braucht, um dein Gegenüber zu unterstützen.

Hier erfährst du mehr über Führungsstile, wie du DEINEN Führungsstil finden kannst und warum es so wichtig ist, situativ zu agieren und die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu berücksichtigen.

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[1] Sergent, K. & Stajkovic, A. D. (2020). Women’s leadership is associated with fewer deaths during the COVID-19 crisis: Quantitative and qualitative analyses of United States governors. Journal of Applied Psychology, 105(8), 771–783. https://doi.org/10.1037/apl0000577

[2] Abele, A. E. (2019). Agency-Communion. Dorsch - Lexikon der Psychologie. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/agency-communion

[3] Sczesny, S., Nater, C. & Eagly, A. H. (2018). Agency and Communion. Agency and Communion in Social Psychology, 103–116. https://doi.org/10.4324/9780203703663-9

[4] Pietraszkiewicz, A., Formanowicz, M., Gustafsson Sendén, M., Boyd, R. L., Sikström, S. & Sczesny, S. (2019). The big two dictionaries: Capturing agency and communion in natural language. European Journal of Social Psychology, 49(5), 871–887. https://doi.org/10.1002/ejsp.2561