Die Theorie klingt ganz einfach. Über die sogenannten Spiegelneuronen fühlt mein Gehirn gewissermaßen nach, was ich bei anderen Menschen wahrnehme.

Das gilt für Bewegungsmuster, Schmerzempfinden und soll auf die gleiche Weise übertragbar sein auf Gefühle. Nehme ich wahr, dass es meinem Gegenüber schlecht geht, versetze ich mich in den anderen hinein und es klingen bei mir die gleichen Gefühle an. Lächele ich jemanden offensiv an, dann lächelt der andere zurück. Er kann nicht anders. So entsteht Empathie. Und das Tolle: es funktioniert ganz von alleine. Kleine Kinder lernen durch Spiegelneuronen das Essen, Laufen und Klettern. Und Erwachsene?

Erwachsene sind in vielen Dingen verkopfter als Kinder und brauchen Nachweise. Um herauszufinden, wo mich Spiegelneuronen im Alltag beeinflussen und was ich daraus lernen kann, habe ich eine kleine Beobachtung gestartet. Garantiert unwissenschaftlich, subjektiv und mit der kleinstmöglichen Fallzahl, aber im Ergebnis für mich durchaus erhellend. Hier meine wichtigsten Beobachtungen. Vielleicht hat der ein oder andere Leser selbst schon Ähnliches beobachtet?

Vorbildfunktion - oder: der Mitesser-Reflex

Wer kleine Kinder hat oder kennt, der kennt auch den Mitesser-Reflex. Versuche, ihn zu kontrollieren erfordern viel Anstrengung. Jedes Mal, wenn ich den Breilöffel zum Babymund führe und das Kind den Mund aufsperrt, geht automatisch auch mein Mund auf. Amüsierte Blicke anderer Menschen am Tisch beweisen, dass ich das weder willentlich noch wissentlich tue und doch: Mein Gesicht spiegelt den Ausdruck meines Gegenübers.

Bei genauerer Beobachtung stellt sich allerdings die Frage: Was war zuerst da, wessen Mund geht zuerst auf? Meiner, um beim Kind die gewünschte Reaktion hervorzurufen oder der des Kindes, der in meinem Gesicht eine empathische Reaktion bewirkt – Stichwort Beziehungsaufbau? Wessen Spiegelneuronen feuern?

Und worum geht es hier? Das Lernen, wie man vom Löffel isst? Gleichzeitig denke ich, dass es vor allem darum geht, in Beziehung zu treten und zu zeigen, dass auf eine Aktion eine Reaktion folgt. Das führt gewissermaßen zur “Synchronisation” der Gehirne und baut Empathie, Verständnis und Verbindung auf.

Gemeinschaft - oder: das passive Mitgefühl

Schonmal beobachtet, wie sich jemand in den Finger schneidet, das Knie aufschlägt oder den Ellenbogen anschlägt? In solchen Situationen zeigt mein Körper definitiv eine Reaktion: die betreffende Stelle wird von einem (kurzen, abgeschwächten, kribbelnden) Schmerzimpuls durchzuckt, obwohl ich die Verletzung des anderen ja nur beobachte. Irgendwo in meinem Kopf sitzen also Nerven, die sofort losfeuern, wenn sie eine Verletzung wahrnehmen, und das egal, ob ich meine eigene Hand mit dem blutenden Finger sehe, oder die einer anderen Person.

Dieser Fall scheint klar: hier geht es um Mitgefühl für den anderen. Der Mensch ist ein Herdentier und (evolutionär betrachtet) alleine nicht lebensfähig. Wir sind angewiesen auf die Gemeinschaft, Hilfe und Unterstützung. Meine Spiegelneuronen zwingen mich dazu, ein Stück weit das zu erleben, was der andere erlebt und mitzufühlen, was der andere fühlt. Auf diese Weise bin ich eher bereit, zu helfen und zu trösten, weil in meinem Kopf gleich eine ganze Gedankenwelt aufgeht.

Haltung – oder: die ansteckende Weltsicht

Ich bin von Natur aus ein optimistischer Typ, der anderen Menschen und den meisten Situationen eher mit einer positiven Unterstellung begegnet. Dass Menschen zurück lächeln, wenn ich sie anlächele, habe ich schon beobachtet. Aber auch, dass es sofort abfärbt, wenn ich einen schlechten Tag habe, ein anstrengendes Gespräch hatte oder mich soeben über etwas geärgert habe. Auch wenn ich versuche, das vor meinem Gegenüber zu verbergen, irgendetwas an mir scheint das Signal zu senden, dass in diesem Moment die positive Weltsicht Pause hat. Meine Körperhaltung, meine Worte, Stimmlage, mein Blick? Ich merke, dass ich physisch angespannter bin als sonst, meine Hände, mein Kiefer verspannt sind. Und das überträgt sich auf andere Personen, die meine Spannung – meist wohl unbewusst – bemerken und mir dann gewissermaßen in “Habacht-Stellung” gegenübertreten.

Ein besonders faszinierendes Erlebnis hatte ich bei meinem ersten Einkauf mit Corona-Gesichtsmaske. Während ich durch den Supermarkt lief, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, als wären alle Kommunikationsfäden zur Außenwelt abgeschnitten: ich konnte niemanden anlächeln und andersherum auch nicht aus den versteckten Gesichtern lesen, wie der andere auf meine Anwesenheit reagiert – wie schaut er mich an? Die ganze Kette von Aktion-Reaktion war abgeschnitten, die Kommunikation gestört. Weiterhin fand ich es auch deutlich schwieriger, Menschen anzusprechen. Selbst ein “Hallo” oder “Danke” kam mir schwerer von den Lippen. Da fiel mir erst auf, wie wichtig es in der Kommunikation ist, vor den ersten Worten bereits nonverbal in Kontakt zu treten, die Worte vorzubereiten und am anderen zu überprüfen, ob er überhaupt in der richtigen Stimmung dafür ist.

Das hat mir besonders gezeigt, wie sehr wir uns im Alltag bereits – unbewusst – darauf verlassen, über unsere Spiegelneuronen in Kontakt zu treten und Empathie aufzubauen.

Self Empowerment – oder: die entscheidende Selbstführung

Aber Moment mal, stimmt diese Aussage eigentlich – “...von Natur aus optimistisch...”? Denn bei meinen Selbstbeobachtungen habe ich auch festgestellt, dass ich mich an einem schlechten Tag selbst dahin coachen kann, dass ich wieder positiv dreinblicke. Und zwar einfach, indem ich lächle - trotz allem. Ich will mein Gegenüber nicht mit dem Ärger belasten, den ich gerade hatte und zwinge mich zu einem Lächeln. Und siehe da, wenn ich das eine Weile durchhalte, senden meine Gesichtsmuskeln rückwärts Signale an mein Gehirn. Und mein Gehirn denkt “ich lächle, also bin ich fröhlich”. Selbstbetrug der positiven Art.

Vielleicht liegt also viel weniger als wir denken an unserer scheinbar natürlich gegebenen Art, unserem Charakter, sondern sehr viel daran, wie wir uns selbst steuern.

Meine wichtigste Erkenntnis daraus ist, dass ich keine Laune, Stimmung, sogar kein Gefühl als gegeben hinnehmen muss. Sondern ich kann es steuern. Das ist dann Self Empowerment.

Und wie kann ich das jetzt nutzen?

Die Erkenntnis ist eindeutig. Spiegelneuronen funktionieren nicht nur für Nervenbahnen und Muskeln, sondern auch indirekt für die eigene Haltung und somit das eigene Wohlbefinden.

Wenn ich das einmal für mich erkannt habe, kann ich mit meiner Umwelt ganz anders in Kontakt treten und vor allem lenken, sodass der Kontakt erfolgreich ist.

Ich kann...

  • … Lernen triggern durch Vorbildfunktion
  • … Empathie aufbauen, indem zwei Menschen in Resonanz gehen
  • … durch das Hervorrufen von Verständnis und Mitgefühl den Beziehungsaufbau unterstützen
  • … vor allem aktiv dafür Verantwortung übernehmen, wie es mir selbst geht. Ich entscheide.

Frown on the world and the world frowns back.

Und was ist, wenn es einfach partout nicht funktioniert? Wenn der andere einfach nicht mitlächeln will? Dann habe ich trotzdem etwas erreicht: Dass es mir persönlich besser geht.